Erwartungen der Ferne

Prof. Dr. Ferenc Jádi

Nach der Werkgruppe mit den vereisten Fensterbildern hat Frau Ostermann das große Fenster zum Universum aufgeschlagen. Sie ist dabei allerdings keine Himmelsleserin geworden, sucht auch keine Texte oder Wortassoziationen zur Anschauung, sondern bleibt weiterhin, das bezeugen ihre Bilder, im Anstaunen des Sichtbaren. In dieser Haltung im Angesicht des Unsichtbaren der Ferne ist die neuere Werkgruppe mit Wolkenbildern entstanden.

Man sieht gleich der reichhaltigen Serie ihrer Arbeiten in Cyanotypie an, dass sie keine Illustrationen sind, auch keine Erinnerungsbilder kurioser Erscheinungen, die sie nebenbei einfängt, sondern Bilder zum Staunen in Erwartung einer Erscheinung des Bildhaften am Horizont. Beim Überdenken des Sichtbaren spürt der Fernsinn der Autorin dem natürlich Schönen in der Ruhe des Alltäglichen nach, erkundet das Himmelsgewölbe nach Bildhaftem und die so gewonnenen fotografischen Aufnahmen setzt sie in Cyanotypien um. Während der Realisierung mit dieser alten Vervielfältigungstechnik bekommen die fertigen Werke in ihrem Aufscheinen in Nuancen von Cyanlicht den Anstrich des Besonderen.

Zunächst entstehen fotografische Aufnahmen der auf die Erde fallenden Strahlen, die auf großformatige Negative umkopiert und durch Direktabzug auf speziell präpariertes Aquarellpapier entwickelt werden. Was der Fotoapparat aufnimmt, ist eine Registratur, eine Erfahrnis oder ein Datensatz, d.h. Daten von Hier und Jetzt, vermittelt durch das Aufnahmegerät. Das optische Material wird auf einem Film festgehalten. Die Belichtungszeit ist kurz, das Moment gewählt. In der Regel stehen die Wolken lange Modell oder bewegen sich langsam. Die Zeit scheint einem beim Betrachten der Wolken gnädig zu sein. Sie hüllen einen ein und gewähren einem eine sanfte Rückkehr in das Vergangene oder eine Abkehr in das Alles-Mögliche. Die Binnenzeitlichkeit der Wolkenbilder, die ein Währen und Dauern transportieren und damit ein romantisches Sujet darstellen, die Sinne in die Vergänglichkeit tauchen, ermöglicht, dass man sich dem Kommenden zuwendet und eine leichte süße Melancholie verspürt. Die Temporierung des Gegenwartsmoments wird schnell entgegenwärtigt. Der sich den Erscheinungen hingebende Betrachter wird unbemerkt  umgestimmt, worauf er in die Aura seiner Erinnerungs- oder Phantasiebilder zurückfällt.
 
Gäbe es auch im Himmel eine blaue Stunde, eine Vorbereitung an die Nacht und ein Wegwerfen der Kissen ins Meer, ein Zerwühlen der Wolkendecke, mit der die Zeit ihren Anfang nimmt und das zeitlose Schöpfen im Dunkeln aufhört, würde man ähnliche Bilder bekommen wie in dieser Serie. Nach den Werken zu urteilen scheint das Herz der Autorin, ein ordre du coeur, welches von zwei Identitäten, der Wolkenzuschauerin und der Lichtbildnerin der Wolken, bewegt wird, im gleichen Takt zu schlagen. Man geht unwillkürlich mit der Anmutung mit, in dem Wandern der Wolken die Wonne der Vereinigung, den Wunsch nach unermesslicher Ganzheit zu sehen. Dabei mischt sich das Gewesene mit dem Kommenden, mit vergangenen Zeitschichten, die einen im tiefsten Inneren streifen. Dies wird noch durch die ins Coelinblau neigende Tönung der Abzüge akzentuiert. Die blaue Blume der Romantik, das gesättigte Blau des Santa Maria Aquamarins und die Bläue des Himmels liegen auf der gleichen Stimmungslinie. Die lichtreichen duftigen Cumuli auf den Bildern, in denen das Brillantgelb mit dem Blauton des Firmaments Abstufungen des Coelins hervorruft, reißen einen immer höher und höher in den Äther mit ganz bis zum Wolkenhell, welches einem die irdische Gefangenschaft präsentiert. Man merkt es kaum oder nur durch den plötzlichen Atemzug beim Anblick, durch ein plötzliches Aufhorchen beim unwillkürlichen Sich-Öffnen für das Freie in dem Fernen, dass man mit dem vertrauensvollen Einatmen der Luft auch das Atmosphärische der Hoffnung zur Liebe dazu nimmt.

Man feiert im Angesicht dieser Bilder die reichhaltige Gabe des Sehens. Wenn der Blick im Wolkengrau mit seinem Warmgrau landet, wohl aber das gleiche durch technische Umsetzung künstlerisch in Cyan gewandelt wird, verspricht das neu geschaffenes Artefakt ein thermisches Mitbringsel, eine samtig temperierte Bildhaftigkeit mit einem somnabulen Schimmern. Überhaupt, die Cyanotypie auf den feinen Aquarellpapieren wirkt aus der Ferne wie Kreide und Perlenpulver auf einem blauen oder saphirfarbenen Velourpapier verrieben. Man wagt durch die Wolke den Himmel wie durch eine Brille zu schauen. Das Licht wird durch die Schaumränder der Bewölkung, durch die Inkarnate des verfärbten Himmels geschickt.

Von der Emotion losgelöst, der Freiheit entgegen fliegende Gebilde suchen und überwinden mit Leichtigkeit unberechenbare Equilibrien. Wie von sich selbst veranschaulichen Wolken Winde und Gegenwinde. Die im Luftmeer unter den Wolken liegende Kraft, deren physikalische Quelle die Sonne ist, konstituiert sich durch das Licht. Für den Fotografen ist diese Potenz die Verursacherin seiner Bilder. Als wenn jeder Wolkenzug ein Umzug des Schlafes in die Unruhe des Traumes wäre, nähren die Wolken die Einbildungskraft, täuschen uns Originalität und Eigensinn vor.
 
Wolken sind aber einfach sonnenbeschienen, durchleuchtet, in ihrer Undurchsichtigkeit angeleuchtet. Mit ihnen verhängt sich der selige Himmel. Man hat den Eindruck, Wolken werden getragen, bis sie immer schwerer zu werden scheinen, und im Wolkenbruch inmitten von Kriegsgetöse erledigen sich ihre grauen Kissenfalten. Dass der Regen aus Wasser besteht, schafft die Gewissheit, dass die Wolken Wasserdampf oder in der Kälte zu Eis verdichtete Ausdünstungen der Gewässer sind. Sie sind eine Allegorie der Zeit, die nur im Augenblick, im Jetzt die Gegenwart zeugen und die Permanenz im Zusammenlesen ihrer Suren in Abfolge der Verwandlung der Zeit eine Metamorphose zum Dauern durchmacht.
 
Merkwürdig, selten sieht man am Himmel Konturen, daher selten ein disegno, eher eine protractio, einen Linienzug an Stelle von malerischem Sfumato. Wie eine Wolke eine andere berührt, empfängt sie sich in der anderen. Diese Fusion ergreift alle Teile des Raumes und bildet eine zarte Konfusion des Gewölks. Andernorts entzünden sich Wolken aneinander, entstehen Momentaufnahmen von Lichtexplosionen.

Alle Wolken sind von amorpher Gestalt, aber mit Sicherheit keine Transitoria. Sie sind formhaltiger als ein steifes Viereck, eine im Absoluten verharrende Kugel oder ein spitzer Oktaeder. Sie sind allerdings gestaltlos, in ständiger Bewegung, zur Verwandlung getrieben, zu Strömung und Drehung verurteilt. Wären sie wirklich lebendige Wesen, als die sie auf der Bühne der Vorstellung auftauchen, würden sie sich in kontinuierlicher Entsubjektivierung befinden, bis ihr Wesenskern ausschmilzt. Sie blieben und bleiben doch immer sie selbst und  bis zur Selbstauflösung isoplastisch und isochron gleich, d. h. Wolken im Zug am Himmel. Ihre Identität stützt sich weniger auf ihre Materialität als auf ihre Sehhaptik. Sie sind feucht, wasserspendend, doch als Gebilde scheinen sie gar nicht feucht, eher aus verstreutem Puder oder verriebenem Staubpastell zu sein oder wie mit dem Trockenpinsel gemalt.
 
Oder eine andere Wolke: als wenn in der Dunstglocke der Schwüle einer kochte, sammelt sich gegen Abend die Nässe. Man entdeckt unwillkürlich in dieser Farbe Gewässer, man drängt in manche bergende Buchten vor. Wie im Aquarell keine Chromatik zu entdecken ist, nur ein reiches Kolorit, ergibt sich bei dem mit Wolken bedeckten Himmel nur eine Färbung. Ein Anhauch von transparenten Tinten ist zu entdecken, an die ein müde gewordenes Deckweiß verrieben worden ist. Als ob da drüben ein großer Marmorbruch wäre. Oder sieht man nur amaurotisch? Man könnte denken, jemand zermahlt da oben Steine. Trübe Wolkenwände werden so in Unzahl in marmoriertes Licht getaucht und werden Analoge von Widerspiegelung zugewitterter Landschaften. Beim Betrachten begnügt man sich mit der Sehberührung, wenn man entdeckt, wie die Wolkenzungen den Augapfel der Sonne küssen. Starke Sonnenstrahlen suspendieren die Ausschäumungen, die Verschattungen und die Rauchschwaden am Himmel.
 
In wirklichen Maßen konstituiert sich der Raum in Punkt, Linie und Fläche, wenn man sich auf der Oberfläche der Erde bewegt. Befindet man sich aber in den Wolken, gar bloß in Gedanken, und lässt sich von den Winden tragen, aufs Wolkenbett gelegt oder auf Wolkenthrone gesetzt, ist man im Begriff mit den Wolken zu verschmelzen und beginnt ihre Pinselzüge der Luftbewegung nachzuvollziehen. Man fühlt sich ganz und voll, nicht mehr arg und bündig. Da aber ergreifen einen die zwei Lichtbringer, Aurore und Lucifer . Man betritt einen fluktuierenden Raum althergebrachter Wünsche, getragen zu werden. Geteilte, zerbrochene, abgetrennte und in Vergessenheit geratene Gegenstände, die man lange in der Not oder im Schock in die Sprachlosigkeit entließ, tauchen auf. Kaum fühlt man sich getragen, scheint einem das Dasein leichter. Der Nachvollzug der Luftbewegung in der Höhe verlangt nach hohem Himmel und niedrigen Horizonten. Das Sich-Entrollen der Lichtbilder, unerschöpfliche Schöpfungen, mit denen sich am meisten der traurige Himmel tröstet, wird einem zuteil. Es sind aber keine filmischen Ablichtungen des Universellen, sondern eine Kinematographie des Universums mit Stills, bewegten Diaphanien und Lichtlöchern, in denen das Licht mit Lichtprojektion unentwegt seine pastellfarbigen Schattierungen zeichnet.
 
Wolken sind sprachlos, sie machen sprachlos und erzeugen eine Sprachnot, daher würde man sie am liebsten zeigen und dazu schweigen. Man wägt gern die Relation der Farben zwischen Wolken und Himmel ab und kontrastiert in der picturalen Vorstellung die zeitweilige Gestalt nicht, sondern schätzt sie farblich in einer mehrwertigen Logik ein.
 
Erblickt man eine Stehwolke, wird es einem klar, sie kommt aus dem Schweigen nicht mehr heraus. Klar, Wolken verbergen keine Götter. Sie offenbaren, dass es die Einbildungskraft ist, die die Bilder schauend lesen will, anstatt sie in ihrer Bildungskraft zu bestaunen. Denkt man beim Betrachten des hohen Himmels des Tieflandes an einen Blauglockenbaum voller Blüten, lehnt sich ein solches Schauen an die Sprache an.

Ohne Wetterleuchten, aber doch als Anzeichen einer Wende, fegt der Wind alle Töne von Blau zusammen und lässt sie in die schwüle Luft hinein rieseln. Aus der Schürze der Heiligen Maria fielen keine Blumen, kein Brot für die Armen, auch keine warme Brise auf uns herab, wie erwartet, sondern ein Feinstaub des Aquamarins, wohl aber vom echten Meereston entfernt, das dem zerstoßenen Santa Maria nahe kommt. Auf den Bildern in Cyanfarben, die etwas Metallisches in sich haben, tauchen je nach Lichtverhältnissen auch andere Schattierungen auf wie waschblau, Blauasche, Königsblau oder Azurblau. Im stumpfen Streuglanz offenbart sich der Himmel in miteinander eng verwandten Tönen des bläulichen Spektrums. Jeder für sich ist ein anderer Stimmungskern: so das prächtige Pfaublau, ein seltener Schatz, dann der grimmige Ton der  Blaueisenerde, in welchem der Trübsinn überall mitschwingt, oft begleitet mit Indigo oder Enzian. Milchbläulich verfärbt sich der bewölkte Himmel, wenn haufenweise reife Baumwolle sich in den Delfterton mischt und ein verdünntes Blauschwarz oder das lebhafte Blauvogelblau in die nebelige Atmosphäre hineingemischt wird. Die Rauchigkeit verhält sich wie durch Batistlumpen oder hauchdünne Japanpapiere fallendes Licht, ein vergessener aufgewallter Wattebausch der Unwillkürlichkeit. Alle Wolkenflocken an den Bildern ähneln den ausgerissenen Klumpen aus dem Schaumteig, der aus der Ferne Fäden und Texturen vorgibt und ein Gesicht macht, als wäre es der  Rest eines vorbei geeilten rauchenden Wesens oder eines fauchenden Himmelsriesen.
    
An Dünste denkt man nur, wenn man von unten nach oben schaut. Man denkt es, man fühlt es nicht, da die Wolken von oben in Schleiern herunterhängen. Mit Hilfe der Wolken versteht man die Winde, die jeden Druckmangel des Himmels mit Zufuhr trösten.
 
Wo die Naht des Erdmantels aufgefädelt wird, wo die Fugen im Sonnenschein nachgeben und die Tektonik der Volumina aufgerissen ist, erscheinen die Wolken: die letzten Kleider der Armen des Himmels, die nur Körper und einverleibte Affekte zu haben scheinen, keinen Leib. Licht hinauf und herunter bewegt sich in den Wolken, Gewänder des Erdkreises, die mitunter ein Inbild der Metamorphose und in ihrer Unerreichbarkeit eine Metapher der sublimen Ferne geworden sind.

in: Wolkenflug
Cyanotypien – Marianne Ostermann
2017