Durch die Fensterblumen

Prof. Dr. Ferenc Jádi

In der Kälte des Winters verlangsamt sich jede Bewegung, in ihr wird Lebendiges starr. Das Feuer des Frostes funkelt in kaltem Glanz. Die Stille ist weit in den Raum hinein hörbar. Die Metaebene der winterlichen Erscheinungswelt ist vorwiegend mit fließenden Formen belebt, von gekrümmten Linien und abgerundeten Formen überflutet. Sie changiert zwischen Tableau vivant und Stillleben. Man vermutet entstehende und absterbende Gestalten in einem Gemenge von Übergangsformen. In der Nahsicht entdeckt man, dass die Formkräfte des Frostes mit den Geraden und Kanten fast anarchistisch umgehen. Im Kristallfeld der Vereisungen bildet sich allerlei rissiger farbloser Belag, den Edelsteinen gleich, auf den Innenflächen der Glasfenster streuen sich ornamentale Eisblumen aus. Die Leidenschaften des Frostes, mit der Plötzlichkeit einer zur Erstarrung zwingenden Wirkmacht den Morphemen des Wassers die kürzesten Wege, die gewagtesten Pässe anzuzeigen, bilden Fraktale von Spitzen und Zweigen, Blätter und sonderbare Geflechte.

In diesem Heft gehen Bilder von Tür zu Tür und zeigen den Ausblick eines Verschlossenen. Der in die Ferne schweifende oder in der Ferne suchende Blick räumt nicht nur die Nähe und das Nächste aus dem Weg, sondern traut auch nicht dem Meinen, dem Hiesigen und dem Deinen und auch keinem Dort. Der forschende Blick schafft seine eigenen Räume, je nachdem, wo er anhaftet und womit er sich verstrickt. Was er anstarrt, zeigt sich ihm scharf. Es ist aber nicht der Wesenszug eines Blickes, zu erahnen, wie es sich mit etwas verhält, das durch sein Schweifen berührt wird. Der geworfene Blick entspringt einer Kraft, die die Augen durch die Faszination mit dem Bogen des Gesichtsfeldes spannen und das innere Auge als Selbstverständliches, als Gemerktes oder neu Erkennbares auf den Punkt bringt. Der rasche, mit breiter Streuung die Gegend überstreichende oder mit der Rastlosigkeit eines aufgescheuchten Wildes entsprungene Blick entfesselt sich im vollen Selbstbewußtsein eines dem Geschehen gegenüber frei sichtenden Menschen. Hinter der Tür und dem Fenster bewahrt der Mensch unter Schloss und Riegel seine Freiheit, den und das hereinzulassen, wem er zu begegnen auch bereit ist. Mit dem Öffnen seiner Tür und Tore wie auch mit dem Blick aus dem Fenster erprobt er diese Freiheit. Diesem Blick entgeht allerdings die Nähe. Er überspringt in seinem Drang zum Durchblick jede reale Distanz und der Hinausblickende erfreut sich der Ausdehnung des Wahrnehmungsraumes in die Ferne.

Die Bilder in diesem Heft zeigen auch den Blick eines Eingeschlossenen auf die Fensterscheiben, auf alte, mit Eis beschlagene geschlossene Fenster. Ausblicke sind zu sehen, Blickpanoramen,  Wunderwerke des Winters werden bestaunt, in deren Hintergrund man sich zu verlieren wähnt. Diese Ausblicke überwachen die Augen der einbrechenden Finsternis, uns blinzeln die ersten Lichter des Abends oder die sich spiegelnden Fensterscheiben von gegenüber zu. Der scharfe Blick auf die vereisten Fenster bindet den Betrachter an ein Da, an den Innenraum der Stube, wobei einer dabei unbemerkt in die Arme des Ungewissen eines Gegenübers geworfen wird. Die Durchsichtigkeit des Glases und das amorph-kristalline Gelee des Eises spielen mit dem Zwielicht und werfen die dort sich abzeichnenden Gestalten auseinander. Sie kokettieren mit den Schlieren, welche den Eindruck einer gekrümmten Raumtextur der bildfüllenden Ferne erzeugen. Letztere dehnt sich, bläht sich auf oder schrumpft. In der Durchsicht erleidet das Gebilde Dystorsionen. So entsteht ein Lichtspiel, wie man es bei schmelzender Eisdecke der Bäche im Frühling erleben kann. Man bestaunt bei jeder Bewegung die kaleidoskopartige Umbildung der Welt und lässt sich von der Lichtstreuung blenden. Diese Anspielungen der anamorphotischen Raumillusion heben die Permanenz des Raumes auf, verleihen ihm die Seinsweise der Zeitweiligkeit und schaffen den Übergang zu einem bewegten Bild.

In der verschwommenen Dunkelheit, die den Sinnen eine dämmernde Klarheit schenkt, sogar in der Nacht lässt man den müden, mit der Vergänglichkeit ausgesöhnten Blick davonschweben. Man vertraut sich beim Sinnieren vor der vereisten Scheibe dem eigenen Staunen an. Erst durch das Staunen erlauben die Bilder einen Nachvollzug. Eben darin liegt auch ihre philosophische Natur, in der Rezeption wie auch in ihrer Hervorbringung. Man staunt über das Wunder ihrer inneren Bewegtheit und Aufeinanderbezogenheit ihrer Teile, ihre Fügung in einer höheren unsichtbaren Ordnung. Diese hebt jede Statik und Permanenz auf und offenbart Risse für die sinnliche Erkenntnis. Wenn der Blick auf dem welligen Eisbelag rollt, wie Wassertropfen auf dem Eiszapfen gleiten, belebt die Verflechtung zwischen Wortgehalt und bildlicher Immanenz die Sinne. Es zeigt sich ein Mehr zum Sichtbaren. Ein Ereignis des Erscheinens des Jenseits des Gezeigten und Gestellten konstituiert sich. Dabei springen die Weißtöne im Schatten der Grauwerte je nachdem, wie die konturierende Dunkelheit mit dem Blendwerk des weißen Glanzes spielt. Stumpfe Reflexe  werden aus dem ausgebremsten Glitzern wie Schneegestöber und Kristallglanz vor den Augen, wenn die wackelnden Äste die Scheibe anblinzeln. Als hätten die Gestalten auf dem Glas die Elemente gewechselt, wirkt das Eis fließend, das Geflossene mimt Erstarrtes.

Jedes neue Anstaunen läuft Gefahr, mit dem Automatismus des identifizierenden Blickes, der das Sichtbare wie Schrift und deren Lektüre handhabt, die Sehfrüchte mittels Logoi zu zerstoßen. Das wiedererkennende Sehen bewahrt uns davor, uns an allem anzustoßen, es hält uns von den Dingen auf Abstand. Das Staunen lässt, und das kann die malerische Photographie gut zeigen, das Offensichtliche vorbeiziehen und den Leib eigenartig weich und durchlässig werden. Ein Durchdringen des Raumes, das Aufspüren der allsinnlichen Spuren wird möglich und man kommt zu einer dichten Auslese des Erahnten aber Unsichtbaren und schließlich zu einem eidetischen Bildbegriff, zum Auslegen des immanenten Ausdrucks eines Bildsinnes. Das Sichtbarwerden der Intuition, das Wagnis, sich nicht dem Doxa zu verschreiben und sich nicht mit dem Erklären zu  begnügen, sondern einleuchtende Beschreibungen der Welt zu ersinnen, macht das Bildliche zum Bildhaften für Hersteller wie für Rezipienten. Der Photograph findet seine Bilder in Ausschnitten der sichtbaren Vorlagen. Photographien gehen auf Fundstücke zurück, sie entlarven das düstere Licht, auch das Graue, das Sterbende darin als Verursacher der Lichtbilder. Die Lichtabdrücke werden so zu Benachrichtigungen über die Auslöschung und Impression, sie sind Orte des Todes und Mangels und Orte der Nachdrucks, des Überschwalls. Sie werden nicht mit dem Licht hergestellt. Man führt nur das Licht mit aller List und Kunstfertigkeit. Durch die Linse amalgieren sich Maße in Ordnung von Proportionen, rufen aus Alltäglichem das Besondere hervor. Als wenn es über Oberflächen glitte, produziert man mit Scharf- und Unscharfstellungen, mit Variationen der Tiefenschärfe Opakes oder Sfumato oder Kontur und Glanz. Die Gestaltfaktoren und Bildkonstituenten verhalten sich zueinander und das Standbild fixiert die Stelle des Ablaufs, wo das unsichtbare Ganze als das Besondere in Erscheinung tritt.

Man blättert in diesem Heft und beginnt langsam zu ahnen, dass sich bei dem Hervorbringen der Bilder ein Prozess, der dem Erdenken voranging, offenbart. Die Bilder hat die Photographin  in ihrer alltäglichen Schönheit plötzlich im Anblick der erstaunlichen Profanität gefunden und beim Entdecken der Spielräume naturwissenschaftlicher Vorgänge, die die Technik der Cyanotypie möglich macht, Bild werden lassen. Vielleicht ist nichts besser geeignet, einen Blick auf das winterliche Gegenüber zu verewigen, als die kühne Samtheit der Cyanotypie. Der winterliche Blick nach draußen wird unter Umständen von Wasserdampf getrübt, der allmählich vereist und wie bei einem altes Glas oder billigen Spiegel der vorigen Jahrhunderte verzerrt wird. Das Photo bildet nicht ab, sondern veranschaulicht, formt und gestaltet Sichtbarkeit als ein Phänomen des Seins. Das Photographische, das Lichtschriftliche der Photonegative, das hier beim Anleuchten des mit Ferricyanid imprägnierten Papiers zum Einsatz kommt, löst sich im Entwicklungs- und Hervorbringungsprozeß auf, das Gegebene, das Sonnenlicht und die Potenzen der chemischen Imprägnierung wirken aufeinander ein, bis der Vorgang gestoppt ist. Eine bleibende Chromatik bildet sich in Preusisch Blau konfluent auf dem Papier als Raum- und Gegenstandsillusion. Es ist kein Dokument, das ausweist, kein Beweismittel und keine Illustration, sondern ein Fiktum, welches mit dem Selbstverständnis einer Fiktion auftritt. Erst wenn man sich auf die Fiktionalität des Bildhaften in diesem Heft einlässt und das allmähliche Erscheinen der vorangehend erwirkten Wirklichkeit zulässt, wird die Bildimmanenz und die Phänomenalität der Bildwelt der Autorin erfahrbar.

In diesem Heft erscheint der freie Blick auf das winterliche Gegenüber wie durch die (vereiste) Blume gesagt. Augenscheinlich ist es mit der Allegorese einer melancholischen Stimmung analog zusammengeschaut, in der Jenseitigkeit der Sprache gegossen und als formbare Plastizität eines Bilddenkens hervorgeholt. In dem Raum zwischen Poesis und Ikonizität schafft die Erinnerung lauter Beiwörter, die das Gemüt bewegen und aufschaukeln. So zeigen die Dinge miteinander eine Zuneigung, Affinität und Aversion, ihre Resonanz holt den Schein der Entsprechung hervor und man glaubt, einer Vorstellung auf einer belebten Bühne beizuwohnen. Vieles wird darin bildlich und temperiert vorgeführt, d.h. das Zählbare hat seinen Namen und gewinnt eine Gestalt, einen Ton . Das Mannigfaltige der Bildlichkeit hält sich mit dem bildhaften Ganzen des Einen und Einzigartigen die Waage und bringt die Essenz einer Sache zur Anschauung. So kommt man im Bilde der erstarrten winterlichen Natur auf ein Wesen, welches die Regungen seines Gesichts verlieren will und sich in einer Agonie befindet. Die Vorstellung des Lebens einer unsterblichen Seele jenseits des Todes schöpft so in diesem Denkraum ihre Kristallpaläste, Schneelandschaften, Wüsten und Berge und schaut in die Verwehungen, Windungen einer lebendigen Organik hinein.

Die Alten sahen in dem Bildlichen die Wirkmacht des Bewegungslosen, welches das uns Anstarrende des Plastischen zur Geltung bringen kann. In der Tat, die als Umriss der Einheitsfläche sich aufdrängenden Gestalten des Eises blicken uns an wie bekannte Gesichter und rufen Erinnerungen hervor, die zur Wortwelt und zu Assoziationsketten führen. Sie regen Wortfelder und Mehrdeutigkeiten an, wodurch das wiedererkennende Sehen das eigentliche Sehen mitschwingen lässt. Die so entstandene Imagination ist nur solange ein Schweben zwischen Sehen und Selbsttäuschung, bis dem sich über das immanente Rätsel Täuschende die Scheinhaftigkeit des Sich-Vorstellens gewahr wird und er das Erblickte nicht als Gehörtes, d.h. als Sprache der Bilder, als Elemente eines Tonkontinuums wahrnimmt. Die gestalthafte Ähnlichkeit der Eiskristalle mit Floralem evoziert das bildliche Vorstellen von Eisblumen, ihre Sehhaptik führt uns zu ihrem paradoxen Wesen, nämlich dass sie grazil und zerbrechlich sind und sich durch Wärme verflüssigen.

Im Anblick von Eiskristallen ist man geneigt, seine Selbstständigkeit, Distanziertheit und Sehsouveränität zu verlieren, da das Zusammenspiel der Relationen ein Mehr zum Sein des dinglichen Daseins, das Besondere darbietet. In den Kristallen funkeln Lichtaugen, die ein kaltes Feuer im dunklen Kontrast, eine Art phosphorisierende Kontingenz darbieten. Das Weißlicht des Kristallblitzes zerstreut den gebündelten und zum Stehen gebrachten Funkenkern. Er versagt sich  jeder Bewegungskraft, seine Glutquelle verharrt in einer unfassbaren Tiefe. Als optisches Phänomen bleibt der Glanz ein Augenreiz, Anstoß zu Gedanken über Prahlen, Blenden und Luxus, den jede Berührung, sogar der warme Hauch in Wassertropfen verwandeln kann. Wie das mit der Linse fokussierte Sonnenlicht sogar den prachtvollsten Diamanten auflöst, wechseln die rigiden und mit strenger Binnenkalkulation der Proportionen selbst geformten und auf sich bezogenen bewegungslosen Kristalle bei Wärme in die Flüssigkeitsphysik und Perlenästhetik des seidigen Wassers. Trotz seines unabwendbaren Autismus öffnet sich der Eiskristall dem Gesichtssinn. Die Phantasie, mit der wir die Eiskristalle bestaunen und uns über die Lichtspiele der Eisbilder wundern, ist auf alles Erdenkliche hinaus. Es nimmt dem Bildlichen seine eigene visuelle Einfalt und Anästhesie und erhellt spürbar den Zwischenbereich von Leben und Tod.

in: Eisblumen
Cyanotypien – Marianne Ostermann
2014